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Eröffnung des Stadtteilbüros Flittard
- Rede von Klaus Arand -
 

Was tun wir – Sie, ich, wir alle - hier heute eigentlich? Ganz einfach: Sie erleben hier einen Skandal!

Was bedeutet die feierliche Eröffnung des Stadtteilbüros der Ev. Brückenschlaggemeinde denn sonst? Antwort: Sie entspringt einer dringenden Notwendigkeit und eben hierin verbirgt sich der angesprochene Skandal, was ich natürlich auch erläutern will.

Folgendes Schlagwort ist Ihnen sicherlich bekannt: Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer ärmer! Das dies so ist unterliegt einem Automatismus, dessen Ursache wiederum als eine Folge der Globalisierung definiert wird. Allein im vergangenen Jahr haben sich die Gehälter der Konzernvorstände in den 30 größten AG’s um bis zu 30 % erhöht.

Ein plakatives Beispiel, das vor ca. 14 Tagen durch die Presse ging: Ein amerikanischer Manager hat im vergangenen Jahr für seine Arbeit die sagenhafte Summe von 500 Millionen Dollar erhalten und gilt damit als der Mann, der innerhalb eines Jahres als nicht Selbstständiger das meiste Geld verdient hat! Ich wage zu bezweifeln, dass irgendeine Tätigkeit einen solchen Verdienst auch nur annähernd rechtfertigt.

Und wie sieht das mit den Armen aus, die immer ärmer werden? Die Hiobsbotschaften aus den Ländern der Dritten Welt, speziell aus Afrika, nehmen wir zur Kenntnis. Die Ursachen sind vielfältig, überwiegend politischer Natur. Sie sind jedoch heute nicht Gegenstand einer näheren Betrachtung.

Ich nehme Sie mit auf einen kurzen Exkurs in die jüngere deutsche Geschichte:

1948 beginnen alle Bundesbürger mit 40,-- DM „Kopfgeld. Deutschland wird wieder aufgebaut. 80 % aller Deutschen im arbeitsfähigen Alter haben Arbeit und das nötige Auskommen. Ab 1955 werden sogar sog. Gastarbeiter angeworben für Arbeiten in Niedriglohngruppen. Sie sollten nach absehbarer Zeit wieder in ihr Herkunftsland zurückkehren.

Randgruppen wie ehemalige Vertriebene, Kriegsbeschädigte, Kriegsversehrte oder Menschen, die in der sich neu formierenden Gesellschaft keinen Halt finden, fängt das 1961 von der Bundesregierung verabschiedete Bundessozialhilfegesetz auf.

Bis 1970 gibt es in der Bundesrepublik Deutschland keine finanzielle Armut. Allerdings zeigt sich ein Problem, das von manchen als ‚tertiäre Armut’ bezeichnet wird, nämlich das Fehlen von sozialen Beziehungen und emotionaler Zuwendung.

Dann jedoch, als der Aufschwung stagnierte, begann in der BRD etwas Bekanntes neu: Die Massenarbeitslosigkeit!

Plötzlich wird Armut unübersehbar: 1976 mussten 5,7 Mio. Menschen von einem Einkommen leben, das unter dem damaligen Sozialhilfeniveau lag.

Die Dauerhaftigkeit der Arbeitslosigkeit und der versperrte Zugang zu Arbeit und Sozialversicherung führten bei vielen Menschen zur Ausgrenzung aus der Arbeitslosenversicherung.

Der Anteil der ausgegrenzten Erwerbslosen nahm seit 1975 ständig zu. Der wachsende Ansturm auf die Kassen der öffentlichen Hand, d. h. auf Bezüge aus dem Bundessozialhilfegesetz sowie aus der „Hilfe zum Lebensunterhalt“ hatte zur Folge, dass die Bewilligungspraxis ständig restriktiver wurde. Außerdem wurden die Leistungen im Sozialhilfe- und Krankenpflegebereich systematisch gekürzt.

Eine besondere Situation entstand  durch die Wiedervereinigung nach 1989. Für die Menschen in den neuen Bundesländern zeigte sich ein tiefgreifender Wandel ihrer Lebensbedingungen, in deren Folge sich das Armutsproblem zu einer rasch wachsenden existentiellen Gefährdung entwickelte!

Mit dem 1. Januar 2005 traten die Hartz IV Gesetze in Kraft - Rechtsnormen, die tief in die Wurzeln der Bundesrepublik Deutschland eingriffen.

Kaum eine Reform verbreitete eine so große Unsicherheit wie die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, die sog. Grundsicherung für Arbeitsuchende. Und diese Unsicherheit reißt angesichts der aufgeworfenen Frage nach der Revision von Hartz IV nicht ab. Viele Menschen, die noch eine Arbeitsstelle haben, fürchten sich vor dem sozialen Abstieg, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren.

Das Problem der Arbeitslosigkeit ist durch Hartz IV allerdings vehement in das Bewusstsein der Menschen gedrungen, denn Hunderttausende, die früher unter die Sozialhilfe fielen, sind jetzt als Arbeitslose ausgewiesen. Im Frühjahr 2006 kommt auf 10 Arbeitsuchende eine offene Stelle. Dabei ist die Statistik nicht 100 % aussagekräftig, denn sie erfasst nur Personen die sich arbeitslos melden. Nicht erfasst sind Personen, die:

sich nicht an die Arbeitsagentur wenden;

die an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen teilnehmen (etwa Weiterbildungs-, Arbeitsbeschaffungs-, Trainingsmaßnahmen sowie Inhaber von Ein-Euro-Jobs);

älter als 58 Jahre sind und der Arbeitsvermittlung nicht mehr zur Verfügung stehen;

sich in geförderter Altersteilzeit befinden.

Rechnet man diesen Kreis in die Arbeitslosenstatistik mit ein, so dürfte die aktuelle Summe etwa 7 Mio. betragen, und daran ändert auch der momentane Aufschwung wenig (wobei ich in diesem Zusammenhang auf die Erörterung der Problematik mit Billiglohnanbietern aus östlichen Ländern bewusst verzichte). Im Übrigen sind nur noch 28 % der Bundesbürger davon überzeugt, dass es in der Republik sozial gerecht zugeht.

Soweit der jetzige Stand der Dinge und damit endet der Exkurs!

Die Folgen eines zeitweisen oder dauerhaften Entzuges des menschlichen Rechts auf Arbeit sind unübersehbar. Und die lassen uns heute hier zusammen kommen.

Bedroht sind mehr und mehr auch Durchschnittsbürger sowie Arbeitnehmer mit einem festen Arbeitsplatz, die dennoch auf staatliche Sozialleistungen angewiesen sind. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der sog. „Aufstocker“ (reguläre Stelle plus „Hartz IV“) zuletzt auf knapp 1,1 Mio. Menschen. 420 000 von ihnen gingen sogar einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigung nach, und trotzdem reichte ihr Lohn nicht aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich finde diese Tatsache entwürdigend und es ist dazu ein Armutszeugnis für ein so reiches Land wie das unsere.

Wer aber ist nun beunruhigt

wenn  Millionen Menschen keine Arbeit und somit kein Auskommen haben?

wenn viele Rentner unter bzw. am Existenzminimum leben?

wenn in Pflegeheimen aus Kostengründen schon wieder über 4-6 Bettenzimmer nachgedacht wird?

wenn kinderreiche Familien, Alleinerziehende und Geschiedene mit Sozialhilfeanspruch nur noch in sog. Preiswertläden Lebensmittel und Haushaltsartikel kaufen können?

wenn Bekleidung nur aus 2. Hand oder von kirchlichen Kleiderkammern erworben werden kann?

wenn über 4 Mio. Menschen wie Rentner, kinderreiche Familien, Alleinerziehende und gelegentlich auch schon sog. Normalfamilien in unsanierten Wohnungen leben müssen, die über 30 – 40 Jahre alt sind, mit oft ungenügenden sanitären Einrichtungen und Heizungsanlagen?

Die Betroffenen selber sind sehr beunruhigt, schämen sich zum großen Teil ihrer Lebensverhältnisse und versuchen, ihre Situation zu verbergen. Sie müssen sehr erfinderisch sein, um mit ihren wenigen Mitteln den Unterhalt zu bestreiten.

Wie schnell jedoch kann die Kraft eines Menschen brechen, sich gegen den Staat, gegen einen Arbeitgeber und gegen Mitmenschen aufzulehnen, wenn das Selbstbewusstsein gebrochen ist.

Daraus leitet sich mein anfangs erwähnter Skandal ab: Staatliche Stellen und viele Arbeitgeber empfinden keine Verantwortung mehr und verlassen sich auf Eigeninitiative!

Was der ökumenische Arbeitskreis im Auftrag der Ev. Brückenschlag-Gemeinde Köln-Flittard/Stammheim hier an Eigenverantwortlichkeit und Bürgerschafts-Engagement initiiert, ist des höchsten Lobes wert. Nun entspricht es zwar durchaus dem kirchlichen Selbstverständnis, Notleidenden und Bedrängten zur Seite zu stehen, um es global auszudrücken.

Hier geht man jedoch bedeutend weiter. Ich zitiere den 8. von 9 Leitsätzen aus dem Leitbild für die Ev. Brückenschlag-Gemeinde, das sie sich gegeben hat:

„Entwicklungen in unserer Gesellschaft und ihre brennenden Fragen sind Bewährungsfelder für unseren Glauben. Ausgerüstet mit Gottes Kraft wollen und können wir dazu beitragen, dass es in der Welt gerechter, liebevoller und gottesfürchtiger zugeht!“

So gesehen ist die Eröffnung des Stadtteilbüros eine logische Konsequenz!

Das Büro Flittard soll eine Anlaufstelle für Menschen werden, die Hilfe, Beratung und Kontakt zu anderen Menschen suchen. Darüber hinaus wird professionelle Beratung zu folgenden Sachbereichen angeboten:

Allgemeine Sozial- und Hartz-IV-Beratung in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Köln

Schuldnerinformationen sowie eine

Lebensmittelausgabe (geplant in Kooperation mit der Kölner Tafel)!

Mieterberatung sowie Kochkurse (nach Bedarf) sollen das Angebot demnächst ggfls. erweitern!

Ich danke dem ökumenischen Arbeitskreis, der Ev. Brückenschlag-Gemeinde sowie den Helfern von ganzem Herzen im Namen aller, die auf Hilfe hoffend zukünftig den Weg hierher finden, für dieses beispielhafte soziale Engagement und wünsche dem Unternehmen gutes Gelingen. Diesen Dank spreche ich übrigens auch ausdrücklich für den Bürgerverein Köln-Flittard von 1989 e. V. aus!

Ihnen allen gebe ich mit auf den Weg: Die sog. „neue Armut“ ist für keinen weit weg! Dies sollte durch meine Ausführungen deutlich geworden sein.

Danke, dass Sie mir trotz der trockenen Materie so aufmerksam zugehört haben!

 

Copyright © 2007   WebMaster Brückenschlag-Gemeinde  Letzte Bearbeitung: 21. Juni 2007