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Was tun wir – Sie, ich, wir alle - hier heute
eigentlich? Ganz einfach: Sie erleben hier einen Skandal!
Was bedeutet die feierliche Eröffnung des
Stadtteilbüros der Ev. Brückenschlaggemeinde denn sonst? Antwort: Sie
entspringt einer dringenden Notwendigkeit und eben hierin verbirgt
sich der angesprochene Skandal, was ich natürlich auch erläutern will.
Folgendes Schlagwort ist Ihnen sicherlich
bekannt: Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer
ärmer! Das dies so ist unterliegt einem Automatismus, dessen Ursache
wiederum als eine Folge der Globalisierung definiert wird. Allein im
vergangenen Jahr haben sich die Gehälter der Konzernvorstände in den
30 größten AG’s um bis zu 30 % erhöht.
Ein plakatives Beispiel, das vor ca. 14 Tagen
durch die Presse ging: Ein amerikanischer Manager hat im vergangenen
Jahr für seine Arbeit die sagenhafte Summe von 500 Millionen Dollar
erhalten und gilt damit als der Mann, der innerhalb eines Jahres als
nicht Selbstständiger das meiste Geld verdient hat! Ich wage zu
bezweifeln, dass irgendeine Tätigkeit einen solchen Verdienst auch nur
annähernd rechtfertigt.
Und wie sieht das mit den Armen aus, die immer
ärmer werden? Die Hiobsbotschaften aus den Ländern der Dritten Welt,
speziell aus Afrika, nehmen wir zur Kenntnis. Die Ursachen sind
vielfältig, überwiegend politischer Natur. Sie sind jedoch heute nicht
Gegenstand einer näheren Betrachtung.
Ich nehme Sie mit auf einen kurzen Exkurs in die
jüngere deutsche Geschichte:
1948 beginnen alle Bundesbürger mit 40,-- DM
„Kopfgeld. Deutschland wird wieder aufgebaut. 80 % aller Deutschen im
arbeitsfähigen Alter haben Arbeit und das nötige Auskommen. Ab 1955
werden sogar sog. Gastarbeiter angeworben für Arbeiten in
Niedriglohngruppen. Sie sollten nach absehbarer Zeit wieder in ihr
Herkunftsland zurückkehren.
Randgruppen wie ehemalige Vertriebene,
Kriegsbeschädigte, Kriegsversehrte oder Menschen, die in der sich neu
formierenden Gesellschaft keinen Halt finden, fängt das 1961 von der
Bundesregierung verabschiedete Bundessozialhilfegesetz auf.
Bis 1970 gibt es in der Bundesrepublik
Deutschland keine finanzielle Armut. Allerdings zeigt sich ein
Problem, das von manchen als ‚tertiäre Armut’ bezeichnet wird, nämlich
das Fehlen von sozialen Beziehungen und emotionaler Zuwendung.
Dann jedoch, als der Aufschwung stagnierte,
begann in der BRD etwas Bekanntes neu: Die Massenarbeitslosigkeit!
Plötzlich wird Armut unübersehbar: 1976 mussten
5,7 Mio. Menschen von einem Einkommen leben, das unter dem damaligen
Sozialhilfeniveau lag.
Die Dauerhaftigkeit der Arbeitslosigkeit und der
versperrte Zugang zu Arbeit und Sozialversicherung führten bei vielen
Menschen zur Ausgrenzung aus der Arbeitslosenversicherung.
Der Anteil der ausgegrenzten Erwerbslosen nahm
seit 1975 ständig zu. Der wachsende Ansturm auf die Kassen der
öffentlichen Hand, d. h. auf Bezüge aus dem Bundessozialhilfegesetz
sowie aus der „Hilfe zum Lebensunterhalt“ hatte zur Folge, dass die
Bewilligungspraxis ständig restriktiver wurde. Außerdem wurden die
Leistungen im Sozialhilfe- und Krankenpflegebereich systematisch
gekürzt.
Eine besondere Situation entstand durch die
Wiedervereinigung nach 1989. Für die Menschen in den neuen
Bundesländern zeigte sich ein tiefgreifender Wandel ihrer
Lebensbedingungen, in deren Folge sich das Armutsproblem zu einer
rasch wachsenden existentiellen Gefährdung entwickelte!
Mit dem 1. Januar 2005 traten die Hartz IV
Gesetze in Kraft - Rechtsnormen, die tief in die Wurzeln der
Bundesrepublik Deutschland eingriffen.
Kaum eine Reform verbreitete eine so große
Unsicherheit wie die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe,
die sog. Grundsicherung für Arbeitsuchende. Und diese Unsicherheit
reißt angesichts der aufgeworfenen Frage nach der Revision von Hartz
IV nicht ab. Viele Menschen, die noch eine Arbeitsstelle haben,
fürchten sich vor dem sozialen Abstieg, wenn sie ihren Arbeitsplatz
verlieren.
Das Problem der Arbeitslosigkeit ist durch Hartz
IV allerdings vehement in das Bewusstsein der Menschen gedrungen, denn
Hunderttausende, die früher unter die Sozialhilfe fielen, sind jetzt
als Arbeitslose ausgewiesen. Im Frühjahr 2006 kommt auf 10
Arbeitsuchende eine offene Stelle. Dabei ist die Statistik nicht 100 %
aussagekräftig, denn sie erfasst nur Personen die sich arbeitslos
melden. Nicht erfasst sind Personen, die:
sich nicht an die Arbeitsagentur wenden;
die an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen
teilnehmen (etwa Weiterbildungs-, Arbeitsbeschaffungs-,
Trainingsmaßnahmen sowie Inhaber von Ein-Euro-Jobs);
älter als 58 Jahre sind und der
Arbeitsvermittlung nicht mehr zur Verfügung stehen;
sich in geförderter Altersteilzeit befinden.
Rechnet man diesen Kreis in die
Arbeitslosenstatistik mit ein, so dürfte die aktuelle Summe etwa 7
Mio. betragen, und daran ändert auch der momentane Aufschwung wenig
(wobei ich in diesem Zusammenhang auf die Erörterung der Problematik
mit Billiglohnanbietern aus östlichen Ländern bewusst verzichte). Im
Übrigen sind nur noch 28 % der Bundesbürger davon überzeugt, dass es
in der Republik sozial gerecht zugeht.
Soweit der jetzige Stand der Dinge und damit
endet der Exkurs!
Die Folgen eines zeitweisen oder dauerhaften
Entzuges des menschlichen Rechts auf Arbeit sind unübersehbar. Und die
lassen uns heute hier zusammen kommen.
Bedroht sind mehr und mehr auch
Durchschnittsbürger sowie Arbeitnehmer mit einem festen Arbeitsplatz,
die dennoch auf staatliche Sozialleistungen angewiesen sind. Nach
Angaben der Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der sog. „Aufstocker“
(reguläre Stelle plus „Hartz IV“) zuletzt auf knapp 1,1 Mio. Menschen.
420 000 von ihnen gingen sogar einer sozialversicherungspflichtigen
Vollzeitbeschäftigung nach, und trotzdem reichte ihr Lohn nicht aus,
um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich finde diese Tatsache
entwürdigend und es ist dazu ein Armutszeugnis für ein so reiches Land
wie das unsere.
Wer aber ist nun beunruhigt
wenn Millionen Menschen keine Arbeit und somit
kein Auskommen haben?
wenn viele Rentner unter bzw. am Existenzminimum
leben?
wenn in Pflegeheimen aus Kostengründen schon
wieder über 4-6 Bettenzimmer nachgedacht wird?
wenn kinderreiche Familien, Alleinerziehende und
Geschiedene mit Sozialhilfeanspruch nur noch in sog. Preiswertläden
Lebensmittel und Haushaltsartikel kaufen können?
wenn Bekleidung nur aus 2. Hand oder von
kirchlichen Kleiderkammern erworben werden kann?
wenn über 4 Mio. Menschen wie Rentner,
kinderreiche Familien, Alleinerziehende und gelegentlich auch schon
sog. Normalfamilien in unsanierten Wohnungen leben müssen, die über 30
– 40 Jahre alt sind, mit oft ungenügenden sanitären Einrichtungen und
Heizungsanlagen?
Die Betroffenen selber sind sehr beunruhigt,
schämen sich zum großen Teil ihrer Lebensverhältnisse und versuchen,
ihre Situation zu verbergen. Sie müssen sehr erfinderisch sein, um mit
ihren wenigen Mitteln den Unterhalt zu bestreiten.
Wie schnell jedoch kann die Kraft eines Menschen
brechen, sich gegen den Staat, gegen einen Arbeitgeber und gegen
Mitmenschen aufzulehnen, wenn das Selbstbewusstsein gebrochen ist.
Daraus leitet sich mein anfangs erwähnter Skandal
ab: Staatliche Stellen und viele Arbeitgeber empfinden keine
Verantwortung mehr und verlassen sich auf Eigeninitiative!
Was der ökumenische Arbeitskreis im Auftrag der
Ev. Brückenschlag-Gemeinde Köln-Flittard/Stammheim hier an
Eigenverantwortlichkeit und Bürgerschafts-Engagement initiiert, ist
des höchsten Lobes wert. Nun entspricht es zwar durchaus dem
kirchlichen Selbstverständnis, Notleidenden und Bedrängten zur Seite
zu stehen, um es global auszudrücken.
Hier geht man jedoch bedeutend weiter. Ich
zitiere den 8. von 9 Leitsätzen aus dem Leitbild für die Ev.
Brückenschlag-Gemeinde, das sie sich gegeben hat:
„Entwicklungen in unserer Gesellschaft und ihre
brennenden Fragen sind Bewährungsfelder für unseren Glauben.
Ausgerüstet mit Gottes Kraft wollen und können wir dazu beitragen,
dass es in der Welt gerechter, liebevoller und gottesfürchtiger
zugeht!“
So gesehen ist die Eröffnung des Stadtteilbüros
eine logische Konsequenz!
Das Büro Flittard soll eine Anlaufstelle für
Menschen werden, die Hilfe, Beratung und Kontakt zu anderen Menschen
suchen. Darüber hinaus wird professionelle Beratung zu folgenden
Sachbereichen angeboten:
Allgemeine Sozial- und Hartz-IV-Beratung in
Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk Köln
Schuldnerinformationen sowie eine
Lebensmittelausgabe (geplant in Kooperation mit
der Kölner Tafel)!
Mieterberatung sowie Kochkurse (nach Bedarf)
sollen das Angebot demnächst ggfls. erweitern!
Ich danke dem ökumenischen Arbeitskreis, der Ev.
Brückenschlag-Gemeinde sowie den Helfern von ganzem Herzen im Namen
aller, die auf Hilfe hoffend zukünftig den Weg hierher finden, für
dieses beispielhafte soziale Engagement und wünsche dem Unternehmen
gutes Gelingen. Diesen Dank spreche ich übrigens auch ausdrücklich für
den Bürgerverein Köln-Flittard von 1989 e. V. aus!
Ihnen allen gebe ich mit auf den Weg: Die sog.
„neue Armut“ ist für keinen weit weg! Dies sollte durch meine
Ausführungen deutlich geworden sein.
Danke, dass Sie mir trotz der trockenen Materie
so aufmerksam zugehört haben! |