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Vorbemerkung der Redaktion:
Über
Hartz IV wird viel geredet, ohne die wirklichen Fakten zu kennen.
Claudia Lautner vom Diakonischen Werk berät seit vielen Jahren
Menschen, die mit Hartz IV leben müssen. Sie stellt hier die
derzeitige Situation dar. Lassen Sie sich
informieren!
Das Hartz-Konzept
Erklärtes Ziel des Hartz-Konzeptes war
es, innerhalb von 4 Jahren die Arbeitslosenzahl von damals 4 Mio. zu
halbieren. Dieses Ziel konnte nicht annähernd erreicht werden.
Die Kommission, welche die Reform
erarbeitete, wurde von Peter Hartz geleitet und sie hatte 15
Mitglieder - 14 Männer und eine Frau.
Die Hartz-Gesetze traten dann
schrittweise in Kraft. Und Hartz IV, das Arbeitslosengeld II, am 1.
Januar 2005. Dabei wurden Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe
zusammengeführt.
Die Leistungen
Es gibt seitdem 3 Arten von
Leistungen:
1.
Arbeitslosengeld I (ALG I)
ist eine beitragsfinanzierte
Versicherungsleistung – was wir einbezahlt haben, bekommen wir wieder
zurück, wenn wir arbeitslos werden. ALG I beantragt man bei der
Agentur für Arbeit. Es wird nur eine begrenzte Zeit gezahlt.
2.
Arbeitslosengeld II (ALG II)
ist eine steuerfinanzierte Leistung
abhängig von Bedürftigkeit zur Sicherung des Lebensunterhaltes für
Menschen, die mindestens 3 Stunden am Tag erwerbstätig sein können. Es
erhalten Menschen nach dem Bezug von ALG I oder wenn der Anspruch auf
ALG I nicht erfüllt ist. ALG II beantragt man bei der Arge – das steht
für „Arbeitsgemeinschaft“.
Seit 1. Januar 2011 heißt die Arge
„Jobcenter“. Was zu Verwirrungen führt, denn schließlich gibt es
bereits Jobcenter.
- Alleinstehende
erhalten im Monat 363 € plus die angemessene Miete plus 1,30 € pro qm
für Heizung.
- Partner erhalten 328 € pro
Person plus die angemessene Miete und Heizgeld.
- Kinder bis 5 Jahre erhalten
215 €.
- Kinder ab 6 Jahre bis
einschließlich 13 Jahre erhalten 251 €.
- 18- bis 24-jährige Angehörige der Bedarfsgemeinschaft
erhalten 291 €.
Das Kindergeld wird als Einkommen
abgerechnet. Das heißt bei einem 5-Jährigen 215 € minus 184 € –
bleiben 31 € vom Jobcenter. Die Eltern bekommen das Kindergeld plus
die 31 € vom Jobcenter. Kindergelderhöhungen kommen also nie den
Familien zugute, sondern dem Jobcenter.
Ein sehr dehnbarer Begriff ist auch
„angemessen“. Was ist eine angemessene Miete? Sie darf 6,90 € pro qm
nicht übersteigen bei einer Größe von 50 qm für eine Person und
jeweils 15 qm mehr für jede weitere Person.
Energiekosten werden aus dem
Hartz-IV-Satz gezahlt.
3. Sozialhilfe
entspricht der bisherigen Sozialhilfe
für nicht Erwerbsfähige. Z.B. Menschen, die erwerbsunfähig sind, aber
keine Erwerbsunfähigkeitsrente beziehen. Das trifft zu, wenn man in
den vergangenen 5 Jahren nicht versicherungspflichtig gearbeitet hat.
Egal, wie lange man vorher erwerbstätig war.
Rentner
erhalten bei zu geringen Rentenbezügen ergänzend Grundsicherung
– das ist das Gleiche wie Sozialhilfe, heißt nur anders.
Immer mehr Menschen beziehen
Grundsicherung – 2008 bereits 5 % mehr als im Vorjahr. Weit mehr als
die Hälfte der BezieherInnen sind Frauen.
Die Auswirkungen
Das vorrangige Ziel der Hartz-Gesetze
ist es, Sozialausgaben einzusparen. Allerdings ist das Gegenteil
eingetreten. Die Sozialausgaben sind nicht zurückgegangen, sondern
durch die unklare Gesetzgebung und die daraus folgenden Klagen haben
sich die Kosten nahezu verdoppelt.
Eine Klagewelle gegen
Hartz-IV-Bescheide hat dazu geführt, dass das Bundessozialgericht mehr
Richter eingestellt hat und sich diesem Thema mit mehr Ressourcen
zuwenden musste. Experten schätzen, dass Hartz IV bislang zu mehr als
einer halben Million Klagen und zu vier Millionen
Widerspruchsverfahren geführt hat.
Durch die Hartz-IV-Gesetze wurde das
schon herrschende Ungleichgewicht in der Bevölkerung verstärkt.
Dadurch wurden als Folge das allgemeine Gefühl der sozialen
Benachteiligung und ein Gefühl der Verunsicherung verstärkt.
Vor allem das Streichen fast aller
einmaliger Beihilfen wie Kleidergeld und Möbelgeld hat zu einer
schleichenden Verarmung geführt. Mehrbedarfe erhalten nur noch
Schwangere, Alleinerziehende, chronisch Kranke und Behinderte.
Immer wieder gibt es Selbstversuche
von Journalisten und Medienmitarbeitern zum Auskommen mit Hartz IV.
Die Versuchsperson lebt für 2 bis 3 Monate von Hartz IV. Das können
wir alle.
Die wirklichen Probleme fangen an,
wenn man über längere Zeit damit auskommen muss. Irgendwann sind alle
guten Kleider und Schuhe aufgetragen. Die Waschmaschine geht mal
kaputt
– oder ein anderes Haushaltsgerät. All
das muss aus dem Hartz-IV-Satz geleistet werden.
Anfang 2011 gab es eine große
öffentliche Debatte über die Erhöhung der Sätze um 5 €. Lange ging es
hin und her und alles wurde breit in den Medien behandelt.
Hintenherum, ohne die Öffentlichkeit, wurden dann die Sparmaßnahmen
beschlossen, die gravierender für die Hartz-IV-BezieherInnen waren als
die 5 € Erhöhung.
Klammheimlich wurde der Zuschlag vom
Übergang ALG I in ALG II (Hartz IV) gestrichen. Ersatzlos. Das
bedeutet für die Menschen ein hartes Aufschlagen im Hartz-IV-Leben.
Durch den Zuschlag war der Aufschlag etwas gebremst worden.
Außerdem wurden einfach die minimalen
Rentenbeiträge gestrichen. Ersatzlos.
Dafür wurde laut Werbung gemacht für
das Bildungs- und Teilhabepaket. Die Abgabefrist für Anträge wurde
verlängert. Aber nicht aus sozialen Gründen, sondern weil es kaum in
Anspruch genommen wurde. Denn das Ganze ist eine Mogelpackung und
hilft den Familien nicht wirklich weiter.
Vermittlung in Arbeit
Auf BezieherInnen von ALG II wird
massiver Druck ausgeübt, wieder in Arbeit zu kommen. Vor allem müssen
all die Maßnahmen, die das Jobcenter eingekauft hat, gebucht und
vermittelt werden. Ein Millionengeschäft für Anbieter von
Beschäftigungsprogrammen. Millionen fließen in oft sinnlose
1-Euro-Jobs. Sie bessern vorübergehend die Statistik auf, weil die
1-Euro-Jobber nicht als arbeitslos geführt werden. Doch nach ein paar
Monaten stehen sie wieder beim Jobcenter.
Die meisten Förderinstrumente machen
keinen Sinn, weil sie mit dem wirklichen Arbeitsleben nichts zu tun
haben.
Nun erwarten wir gespannt das Ergebnis
der Instrumentenreform – der Maßnahmenkatalog wird überarbeitet und
verändert und soll 2012 umgesetzt werden. Allerdings wird auch diesmal
nicht beschlossen werden, verstärkt Lohnkostenzuschüsse an Arbeitgeber
zu zahlen, die einen Langzeitarbeitslosen einstellen.
Hartz-IV-BezieherInnen werden sehr
schnell unter Generalverdacht gestellt, sobald die Presse mal wieder
eine Schlagzeile hat wie:
„Hartz-IV-Empfänger lebt auf Hawaii und lässt es sich gut gehen.“
Sofort entbrennt wieder eine Debatte
über die Höhe der Hartz-IV-Sätze und ob das nicht zu viel ist und ob
es „denen“ nicht zu gut geht. Die Medien und Presseerzeugnisse stellen
Hartz-IV-Empfänger oft als arbeitsfaul, antriebsschwach und unwillig
dar.
Dabei wird schnell übersehen, dass es
faktisch keine Arbeit gibt. Vor allem nicht im Bereich von ungelernten
Arbeitsangeboten. Die Aussage: „Wer arbeiten will, findet auch was“
unterstellt allen Arbeitslosen, „mutwillig arbeitslos“ zu sein.
Pfarrerin Claudia Malzahn,
Gefängnisseelsorgerin in der JVA Ossendorf, erzählt, dass zunehmend
Frauen im Alter von über 60 Jahren wegen Ladendiebstahls inhaftiert
sind. Oft sind sie nicht in der Lage, ihr Leben auf der Grundlage von
Hartz IV zu organisieren, geschweige denn eine Geldstrafe davon zu
bezahlen. Hartz-IV-BezieherInnen verbüßen eine Ersatzfreiheitsstrafe
mit einem Tagessatz von 5 €. Ein Hafttag im Vollzug kostet den Staat
allerdings 90 €.
Herr Hartz wurde mittlerweile wegen
Korruption in Millionenhöhe verurteilt.
Claudia Lautner,
Dipl.-Sozialpädagogin
Diakonisches Werk Kölnund Region
Café Mittendrin in Dünnwald: Berliner Str. 944, Tel 22219711
Claudia Lautner bietet TeilnehmerInnen der Lebensmittelausgabe im
Stadtteilbüro Flittard allgemeine Sozialberatung an. |