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(Anstelle
eines Nachrufes geben wir hier die leicht gekürzte Predigt aus dem
Abschiedsgottesdienst für Rolf wieder)
Vor dem ersten Besuch bei Rolf im Krankenhaus Holweide saß mir ein
Kloß im Hals: In welchem Zustand werde ich ihn antreffen? Wird er wach
und ansprechbar sein? Worüber können wir reden? Was soll ich sagen?
Ich habe Rolf ein kleines Kreuz mitgebracht. Damals wusste ich noch
nicht, dass er Kreuze sammelte. Ich habe es mitgebracht, weil es in
der Unsicherheit gut ist, wenn man sich an etwas festhalten kann. Auf
dem Kreuz ist ein Baum zu sehen, ein Lebensbaum. Dieses Kreuz war im
unmittelbaren Sinne des Wortes unser Anhaltspunkt, um über die
Jahreslosung ins Gespräch zu kommen, die Rolf so viel bedeutet hat:
„Jesus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch
leben“ (Johannes 14,19).
„So oder so“, war Rolfs Kommentar dazu, als er mit Gerold Vorländer
das Abendmahl feierte. So oder so, weil das Leben mehr ist als die
physische Existenz, mehr ist als Arbeit und Essen und
Körperfunktionen, mehr ist als das, was sich zwischen den Jahreszahlen
abspielt, die das Leben eines Menschen auf der Grabinschrift
eingrenzen: 1940 – 2008. Leben geht für Jesus weit über den Tod
hinaus. Ewiges, von der Gemeinschaft mit Gott erfülltes Leben gibt
aber auch dem Dasein schon hier und jetzt eine eigene, unersetzliche
Qualität. Darum sagte Jesus auch: „Ich bin gekommen, damit sie das
Leben in seiner ganzen Fülle haben sollen“ (Johannes 10,10).
Weil Leben in der Gemeinschaft mit Gott für Rolf diese Qualität hatte,
darum ging er nicht auf in der jeweiligen Situation seiner Krankheit,
seines Leidens und Sterbens, darum war das Leben für ihn immer noch
mehr als Körperfunktionen, die nicht mehr funktionierten, als Schmerz,
Ekel, Erbrechen, Ärger, Atemnot und Angst. Darum – so meine ich – hat
man Rolf auch nicht klagen hören über seine Situation. Erfülltes Leben
war für ihn auch und vor allem geistliches Leben, Leben in der
Gemeinschaft mit Jesus Christus und in seiner Nachfolge – bis zuletzt.
Ganz am Ende, als er sich fast nicht mehr bewegen konnte, streckte er
noch einmal seine Füße aus dem Bett. Als er gefragt wurde, was er
wolle, sagte er:
„Ich will dahin gehen, wo Jesus geht.“
Erfülltes Leben hat viele Dimensionen, viel mehr als nur die
körperliche. Die geistliche und geistige Dimension war Rolf wichtig –
und wie unser Leben geprägt ist, so sterben wir auch. Bis zuletzt
hörte Rolf mit großer Andacht, gefalteten Händen und einem ganz
besonderen Lächeln zu, wenn aus der Bibel vorgelesen wurde oder ein
Lied gesungen wurde, z.B. „Die Gott lieben, werden sein wie die
Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht“. Bis zuletzt betete er mit
klaren, frei formulierten Worten. Das letzte Mal, als ich mit ihm
reden konnte, betete er zum Schluss, dankte Gott für den Tag, für sein
Leben und sprach mehrfach von der Freude des Glaubens. Das hat mich
tief bewegt – auch deshalb, weil Rolf sich im Leben oft mit den
Wahrheiten des Glaubens abgequält hat, es sich nicht leicht machte mit
dem Christsein. Aber am Ende war für ihn die Freude, die Gott schenkt,
das Wichtigste. Nach seinem Gebet dankte ich ihm für die Ermutigung,
die er mir damit gegeben hat.
Neben der Andacht und Gelassenheit war bei Rolf in den letzten Wochen
immer wieder auch Unruhe zu spüren – und Verdrängung. Wenn man eine
Verlegung auf die Palliativstation ansprach, sagte er: „Darüber reden
wir nächste Woche, heute bin ich so müde.“ Aber einen Satz habe ich
nie von ihm gehört, den ich sonst im Krankenhaus und in den
Pflegeheimen oft zu hören bekomme, nämlich den Satz: „Das ist doch
kein Leben mehr!“
Die Jahreslosung ist eine Gegenrede gegen den Satz „Das ist doch kein
Leben mehr“, der uns heutzutage so schnell über die Lippen kommt. Rolf
hat das trotz seines Zustandes nie gesagt, weil Leben für ihn mehr war
als körperliche Unbeschwertheit und selbstbestimmte Freiheit. Das
Geistliche und das Geistige waren für ihn die entscheidenden
Dimensionen des Lebens. Anderes trat dagegen zurück. Auch die
Dimension der Gefühle, die er wenig äußerte und eher in sich
verschloss. Aber im Geistigen und Geistlichen ging er aus sich heraus.
Ich erinnere mich z.B. daran, dass er als Predigthelfer (heute heißt
das Prädikant) etwas tat, was ich vorher nicht erlebt hatte: Er
erklärte die Liturgie, den Gottesdienstablauf mit seinen verschiedenen
Teilen in ihrer jeweiligen Bedeutung. Und er brachte mich zu der
überraschenden Erkenntnis, dass eine Predigt nicht immer drei Punkte
haben muss (wie wir es sonst in Flittard gewohnt waren). Er probierte
Neues aus, und doch hatten seine Gottesdienste immer einen roten
Faden, denn er suchte die Lieder immer passend zu den Texten aus. Ob
man sie auch gut singen konnte, spielte für ihn weniger eine Rolle …
Auf dem Krankenbett wurde für ihn noch einmal besonders wichtig, dass
zur geistlichen Dimension des Lebens auch und gerade die Gemeinschaft
des Glaubens gehört. In den letzten Wochen konnte er nicht mehr gut
alleine sein. Geistliches Leben ist Leben, das man miteinander teilt
und einander mitteilt. Den Glauben einander mitzuteilen war Rolf immer
wichtig, nun wurde ihm immer wertvoller, auch die Gemeinschaft des
Glaubens miteinander zu teilen – auch ohne Worte. Bei meinem ersten
Besuch schwiegen wir lange zusammen – bis die Putzfrau kam, alle
begrüßte und anredete. Sie zeigte auf mich und fragte in gebrochenem
Deutsch: „Du – bisse Bruder?“ Ich antwortete: „Nein, ein alter
Freund.“ Daraufhin hatte Rolf Tränen in den Augen – und ich dann auch.
Geistliches Leben lebt von der Gemeinschaft, die immer wieder Maß
nimmt an der Gemeinschaft mit Christus. Auf diese Gemeinschaft
zuzugehen war Rolfs Trost – einmal, als er wieder still dalag und eine
Welt sah, die uns noch nicht zugänglich ist, machte er nach einiger
Zeit wieder die Augen auf und sagte, wie Marianne berichtete, dass er
das große Abendmahl im Himmel gesehen habe, von dem Jesus erzählte:
einladend, aber ganz schlicht, für alle einfache Plätze aus Holz. Das
wollte Rolf unbedingt weitergeben, auch als Trost und Ermutigung an
uns: Wir gehen auf die Gemeinschaft mit Christus zu. Denn Christus
sagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“
Pastor Dr. Rainer Fischer
Auch in der Redaktion des
Brückenbogens fehlt uns Rolf jetzt sehr. Nicht nur seine
engagierten Beiträge haben die gemeinsame Arbeit bereichert, sondern
auch seine freundliche, ausgleichende und gerade Persönlichkeit.
Zur
Erinnerung an Rolf wird ein Heft mit einer Auswahl seiner Texte
erscheinen |