Juni
2008

Brücken
bogen

16

 

 


Abschied von Rolf-Peter Assenmacher

Trauerrede Lukaskirche 18. April 2008

(Anstelle eines Nachrufes geben wir hier die leicht gekürzte Predigt aus dem Abschiedsgottesdienst für Rolf wieder)

Rolf AssenmacherVor dem ersten Besuch bei Rolf im Krankenhaus Holweide saß mir ein Kloß im Hals: In welchem Zustand werde ich ihn antreffen? Wird er wach und ansprechbar sein? Worüber können wir reden? Was soll ich sagen? Ich habe Rolf ein kleines Kreuz mitgebracht. Damals wusste ich noch nicht, dass er Kreuze sammelte. Ich habe es mitgebracht, weil es in der Unsicherheit gut ist, wenn man sich an etwas festhalten kann. Auf dem Kreuz ist ein Baum zu sehen, ein Lebensbaum. Dieses Kreuz war im unmittelbaren Sinne des Wortes unser Anhaltspunkt, um über die Jahreslosung ins Gespräch zu kommen, die Rolf so viel bedeutet hat:

Jesus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Johannes 14,19).

„So oder so“, war Rolfs Kommentar dazu, als er mit Gerold Vorländer das Abendmahl feierte. So oder so, weil das Leben mehr ist als die physische Existenz, mehr ist als Arbeit und Essen und Körperfunktionen, mehr ist als das, was sich zwischen den Jahreszahlen abspielt, die das Leben eines Menschen auf der Grabinschrift eingrenzen: 1940 – 2008. Leben geht für Jesus weit über den Tod hinaus. Ewiges, von der Gemeinschaft mit Gott erfülltes Leben gibt aber auch dem Dasein schon hier und jetzt eine eigene, unersetzliche Qualität. Darum sagte Jesus auch: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben in seiner ganzen Fülle haben sollen“ (Johannes 10,10).

Weil Leben in der Gemeinschaft mit Gott für Rolf diese Qualität hatte, darum ging er nicht auf in der jeweiligen Situation seiner Krankheit, seines Leidens und Sterbens, darum war das Leben für ihn immer noch mehr als Körperfunktionen, die nicht mehr funktionierten, als Schmerz, Ekel, Erbrechen, Ärger, Atemnot und Angst. Darum – so meine ich – hat man Rolf auch nicht klagen hören über seine Situation. Erfülltes Leben war für ihn auch und vor allem geistliches Leben, Leben in der Gemeinschaft mit Jesus Christus und in seiner Nachfolge – bis zuletzt. Ganz am Ende, als er sich fast nicht mehr bewegen konnte, streckte er noch einmal seine Füße aus dem Bett. Als er gefragt wurde, was er wolle, sagte er:

„Ich will dahin gehen, wo Jesus geht.“

Erfülltes Leben hat viele Dimensionen, viel mehr als nur die körperliche. Die geistliche und geistige Dimension war Rolf wichtig – und wie unser Leben geprägt ist, so sterben wir auch. Bis zuletzt hörte Rolf mit großer Andacht, gefalteten Händen und einem ganz besonderen Lächeln zu, wenn aus der Bibel vorgelesen wurde oder ein Lied gesungen wurde, z.B. „Die Gott lieben, werden sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht“. Bis zuletzt betete er mit klaren, frei formulierten Worten. Das letzte Mal, als ich mit ihm reden konnte, betete er zum Schluss, dankte Gott für den Tag, für sein Leben und sprach mehrfach von der Freude des Glaubens. Das hat mich tief bewegt – auch deshalb, weil Rolf sich im Leben oft mit den Wahrheiten des Glaubens abgequält hat, es sich nicht leicht machte mit dem Christsein. Aber am Ende war für ihn die Freude, die Gott schenkt, das Wichtigste. Nach seinem Gebet dankte ich ihm für die Ermutigung, die er mir damit gegeben hat.

Neben der Andacht und Gelassenheit war bei Rolf in den letzten Wochen immer wieder auch Unruhe zu spüren – und Verdrängung. Wenn man eine Verlegung auf die Palliativstation ansprach, sagte er: „Darüber reden wir nächste Woche, heute bin ich so müde.“ Aber einen Satz habe ich nie von ihm gehört, den ich sonst im Krankenhaus und in den Pflegeheimen oft zu hören bekomme, nämlich den Satz: „Das ist doch kein Leben mehr!“

Die Jahreslosung ist eine Gegenrede gegen den Satz „Das ist doch kein Leben mehr“, der uns heutzutage so schnell über die Lippen kommt. Rolf hat das trotz seines Zustandes nie gesagt, weil Leben für ihn mehr war als körperliche Unbeschwertheit und selbstbestimmte Freiheit. Das Geistliche und das Geistige waren für ihn die entscheidenden Dimensionen des Lebens. Anderes trat dagegen zurück. Auch die Dimension der Gefühle, die er wenig äußerte und eher in sich verschloss. Aber im Geistigen und Geistlichen ging er aus sich heraus. Ich erinnere mich z.B. daran, dass er als Predigthelfer (heute heißt das Prädikant) etwas tat, was ich vorher nicht erlebt hatte: Er erklärte die Liturgie, den Gottesdienstablauf mit seinen verschiedenen Teilen in ihrer jeweiligen Bedeutung. Und er brachte mich zu der überraschenden Erkenntnis, dass eine Predigt nicht immer drei Punkte haben muss (wie wir es sonst in Flittard gewohnt waren). Er probierte Neues aus, und doch hatten seine Gottesdienste immer einen roten Faden, denn er suchte die Lieder immer passend zu den Texten aus. Ob man sie auch gut singen konnte, spielte für ihn weniger eine Rolle …

Auf dem Krankenbett wurde für ihn noch einmal besonders wichtig, dass zur geistlichen Dimension des Lebens auch und gerade die Gemeinschaft des Glaubens gehört. In den letzten Wochen konnte er nicht mehr gut alleine sein. Geistliches Leben ist Leben, das man miteinander teilt und einander mitteilt. Den Glauben einander mitzuteilen war Rolf immer wichtig, nun wurde ihm immer wertvoller, auch die Gemeinschaft des Glaubens miteinander zu teilen – auch ohne Worte. Bei meinem ersten Besuch schwiegen wir lange zusammen – bis die Putzfrau kam, alle begrüßte und anredete. Sie zeigte auf mich und fragte in gebrochenem Deutsch: „Du – bisse Bruder?“ Ich antwortete: „Nein, ein alter Freund.“ Daraufhin hatte Rolf Tränen in den Augen – und ich dann auch.

Geistliches Leben lebt von der Gemeinschaft, die immer wieder Maß nimmt an der Gemeinschaft mit Christus. Auf diese Gemeinschaft zuzugehen war Rolfs Trost – einmal, als er wieder still dalag und eine Welt sah, die uns noch nicht zugänglich ist, machte er nach einiger Zeit wieder die Augen auf und sagte, wie Marianne berichtete, dass er das große Abendmahl im Himmel gesehen habe, von dem Jesus erzählte: einladend, aber ganz schlicht, für alle einfache Plätze aus Holz. Das wollte Rolf unbedingt weitergeben, auch als Trost und Ermutigung an uns: Wir gehen auf die Gemeinschaft mit Christus zu. Denn Christus sagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!

      Pastor Dr. Rainer Fischer

Auch in der Redaktion des Brückenbogens fehlt uns Rolf jetzt sehr. Nicht nur seine engagierten Beiträge haben die gemeinsame Arbeit bereichert, sondern auch seine freundliche, ausgleichende und gerade Persönlichkeit.

Zur Erinnerung an Rolf wird ein Heft mit einer Auswahl seiner Texte erscheinen


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